Vom
Fisch zum Wassermann
Nachdem
ich mich bereits seit mehreren Jahren mit meinem Geburtshoroskop
auseinandergesetzt hatte und meine astrologischen Kenntnisse
bereits beruflich zum Einsatz bringe, begegnete ich
vor einiger Zeit der Vedischen Astrologie. Voller Erstaunen
stellte ich fest, dass es im Vergleich zum westlichen
Horoskop meist zu einem Zeichenwechsel sowohl der Planeten
als auch der Häuserspitzen kommt. Skepsis war meine
erste Reaktion auf diese Feststellung.
Wie sollte ich, die ich mich jahrelang mit meiner Fischesonne
identifiziert hatte, nun plötzlich ein Wassermann
sein?
In der festen Überzeugung, die Mängel des
indischen Systems innerhalb kurzer Zeit aufgedeckt zu
haben und anschließend, beruhigt und zufrieden
wieder mit der westlichen Astrologie weiterarbeiten
zu können, begann ich, das vedische System zu studieren.
Die Unterschiede zur westlichen Herangehensweise sind
bedeutend und ich möchte nur einige wichtige Faktoren
an dieser Stelle nennen.
Die indische Tradition, die in den Vedas, den heiligen
Schriften der hinduistischen Religion wurzelt, legt
den siderischen Tierkreis zugrunde. Hierbei handelt
es sich um die Gestirnsstände ohne Berücksichtigung
der Präzession. Die Differenz zwischen dem tropischen
(westliche) und dem siderischen (östliche) Tierkreis
liegt mittlerweile bei 23° und wird Ayanamsa genannt.
Infolgedessen wird jeder Planet und auch der Aszendent
um die entsprechende Gradzahl zurück versetzt.
Meine Fischesonne landete somit von 22° Fische auf
29° Wassermann.
Im indischen Horoskop befindet sich der Aszendent im
ersten Haus, das von dem gesamten Zeichen gebildet wird.
Mein indischer Aszendent liegt somit auf 6° Skorpion
(vorher 29° Skorpion). Die Häuser sind gleich
groß, umfassen also genau ein Zeichen, womit sich
die Frage der eingeschlossenen Häuser erübrigt.
Außerdem werden im vedischen System die Planeten
unterschieden in Benefics, Malefics und neutrale Planeten,
ausgehend davon, über welche Häuser sie herrschen.
Häuser wie beispielsweise das 12. werden als "schlechte"
Häuser bezeichnet, da sie, bezogen auf eine weltliche,
materielle Ebene nur schlechte Ergebnisse bringen.
Ausgestattet mit diesem Wissen , gegen dass ich mich
innerlich bereits schon wehrte, hatte ich doch jahrelang
gepredigt, man solle keine Urteile im Sinne von gut
und schlecht fällen sondern immer versuchen die
positiven Aspekte jeder Stellung umzusetzen, machte
ich mich an die Analyse meines vedischen Horoskops.
Zu meiner Unterstützung konnte ich nur englischsprachige
Literatur bzw, Software heranziehen , da es in Deutschland
offensichtlich noch kaum Interesse an diesem Thema gibt.
Um so erstaunter war ich, als ich in englischsprachigen
Fachzeitschriften feststellte, wie viele westliche Astrologen
bereits zu dem östlichen System "konvertiert"
sind bzw. eine Synthese aus traditionellem indischen
Wissen mit der westlichen Astrologie erfolgreich anwenden.
Doch nun zurück zu meinen persönlichen Erfahrungen.
Ein indischer Astrologe betrachtet den Aszendenten als
das bedeutende Zeichen im Horoskop. Wenn ein indischer
Astrologe fragt, was man ist, erwartet er das Aszendentenzeichen
als Antwort. In dieser Hinsicht konnte ich bei meinem
alten Selbstbild bleiben, der Skorpionaszendent ist
ja nach wie vor gültig. Etwas mehr Schwierigkeiten
hatte ich damit, dass ich nun mein "Fische-Dasein"
aufgeben sollte. Was war mit den Phasen der unzureichenden
Erdung, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit weit weg
von allem Realen war? Wie sollte ich in Zukunft meine
Tendenz, sehr empfindsam und bisweilen grenzenlos die
Schmerzen anderer wahrzunehmen, zu absorbieren erklären?
Die Antwort war denkbar einfach: Statt des Zwillingsmondes
im siebten Haus besaß ich nun plötzlich einen
Stiermond im 7. Haus, der nach Ansicht der Inder, in
diesen Gradzahlen des Stiers im sog. Moolatrikona steht,
einer Position, in der er seine natürlichen Eigenschaften
besonders gut entfalten kann. Außerdem siedelte
meine Venus angesichts der neuen Berechnungen vom kämpferischen
Widder zu den durchlässigen Fischen über,
dem Zeichen ihrer Erhöhung. Hier kann sie ihre
Menschenliebe voll zur Entfaltung bringen und bisweilen
dazu neigen, sich aufzuopfern. Da sie außerdem
laut indischer Astrologie zu den Malefics meines Horoskopes
gehört (Herrscherin von 12) führen ihre Gaben
oft zu Problemen auf weltlicher Ebene, so dass die durch
sie geschenkte Feinfühligkeit eher zu einem Problem
wird, wenn es darum geht, das Ego zu entfalten und die
eigenen Interesse zielstrebig durchzusetzen.
Meine durchaus vorhandenen Wassermanneigenschaften,
die ich nie leugntete (mit Merkur Konjunktion Jupiter
im Wassermann, in Opposition zu Uranus) konnte ich leichter
zuordnen und mich somit mit der neu errungenen Wassermannsonne
gut anfreunden. Zusätzlich war jetzt auch Mars
in den Wssermann gerutscht und ich mußte mich
in der Folgezeit mit dem tatsächlichen Ausmaß
meiner rebellischen Wassermannenergien auseinandersetzen.
Beispiele für Unterbrechungen der Kontinuität
konnte ich auf meinem bisherigen Lebensweg nun wirklich
ausreichend finden: ein abgebrochenes Studium, eine
gescheiterte Ehe, Berufswechsel, eine ganze Anzahl abrupt
beendeter Beziehungen... Das einzige Thema, das imstande
war, mich länger als ein Jahr in seinem Bann zu
halten war seit nunmehr fast 10 Jahren die Astrologie,
ein wassermännisches Wissensgebiet.
Doch was war mit den ursprünglich vorhandenen Zwillingseigenschaften
des Mondes? Der Wechsel zwischen den leichtfüßigen,
wißbegierigen und wechselhaften Zwillingen und
dem nach Sicherheit und festen Ritualen strebendem Stier
bereitete mir einige Sorgen. Sollte ich mich all die
Jahre in mir getäuscht haben oder gar die Astrologie
noch gar nicht richtig begriffen oder gar falsch verstanden
haben? Ehrlich gesagt konnte ich mich mit der Leichtigkeit
des Zwillingsmondes nie recht anfreunden. Zwar war es
für mich schon immer außerordentlich wichtig,
mir Wissen anzueignen und ich kann von mir sagen, dass
ich sicherlich zum Teil Sicherheit im Wissen suchte
(wohl noch unterstützt durch Saturn im Wassermann).
Eine ausgeprägte Kontaktfreudigkeit (meine Mutter
nannte sie früher Geschwätzigkeit) kann und
möchte ich auch nicht leugnen, könnte man
aber ebensogut durch Mekur im Wassermann in Opp. Zu
Uranus erklären. Zu ausgeprägten Problemen
führte es in meinem Leben jedoch immer, wenn ich
eine vertraute Situation verlassen musste. Einen umfassenden
Wechsel (des Wohnortes, das Loslassen der Kinder, Berufswechsel
etc.) ließ ich immer erst dann zu, wenn mir die
Kraft zur Verhinderung desselben ausgegangen war. Nicht
gerade typisch für einen Zwillingsmond! Diese Tendenzen
brachte ich immer mit dem Skorpionaszendenten und der
Betonung der fixen Zeichen in Verbindung (obwohl eine
flexible Sonne und ein flexibler Mond in Zusammenhang
mit Saturn, Merkur und Jupiter im unruhigen Wassermann)
einen gewissen Ausgleich schaffen müssten. Wie
dem auch sei, deutliche Tendenzen zur Sturheit, die
mein Partner mir schon lange unterstellt, kann ich mittlerweile
zugeben und mit dem Mond im Stier in Zusammenhang bringen.
An dieser Stelle möchten Sie vielleicht einwenden,
dass sich die Beschäftigung mit dem neuen, dem
vedischen System gar nicht lohnt, wenn man schließlich
doch die Persönlichkeitsstrukturen sowohl mit dem
westlichen Horoskop als auch mit dem indischen Rasi
(Geburtshoroskop) erkennen und einschätzen kann.
Weit gefehlt. Die bisher analysierten Daten stellen
nur einen kleinen Prozentsatz der Aussagekraft des indischen
Horoskopes dar. Beispielsweise habe ich bisher die Yogas
völlig verschwiegen. Unter Yogas versteht man eine
Kombination verschiedener Faktoren. So stellen die Konjunktionen
oder das Zusammentreffen zweier Häuserherrscher
in einem Haus ein Yoga dar. Von ca. 2000 möglichen
Yogas habe ich erst zwei Dutzend in meinem Horoskop
entdeckt und bewertet und damit kam sozusagen das Salz
in Suppe. Ich entdeckte Feindeutungen, filigrane Ornamente
sozusagen, die aus dem doch eher grob strukturierten
westlichen Horoskop nicht herauszufiltern waren. Allenfalls
das äußerst komplizierte Material der Astrologenfamile
Ebertin kann, nach meinen Erfahrungen und Studien solche
Ergebnisse teilweise zutage fördern.
In der vedischen Astrologie ist damit das Repertoire
an Überraschungen noch lange nicht erschöpft.
Will man den Bereich der Beziehungen oder Ehe analysieren,
verharrt man nicht bei der Inspektion der 7. Hauses
oder dessen Herrscher, sondern zieht ein eigens dafür
erstelltes Horoskop, das Navamsa zu Rate. Das Navamsa
ist eines von meist 16 verwendeten Harmonics und läßt
detaillierte Aussagen zu den Themen des 7. Hauses zu.
Bei Berufsfragen erörtert man das Dasamsa und sogar
für die Frage nach karmischen Themen steht hier
eine eigenes Horoskop zur Verfügung, das Dwadasamsha.
Um die Gunst der westlichen Astrologen nicht zu gefährden
oder gar als Verräterin hingestellt zu werden,
möchte ich abschließend zugeben, dass ich
mich entschlossen habe, nach einigen Praxiserfahrungen,
bei denen ich beide Horskope - westlich und vedisch-
ausgewertet habe, beide Systeme vorsichtig zu kombinieren,
nach dem Vorbild einiger amerikanischer Kollegen. Von
Uranus, Pluto und Neptun möchte ich mich nicht
trennen, obwohl ich sie als Herrscher im östlichen
System nicht benutze. Bei Transiten ist Ihre Berücksichtigung
jedoch ein großer Gewinn. Manche Informationen
erkenne ich im westlichen Horoskop auf den ersten Blick,
während das vedische Geburtsbild mir auf anderen
Ebenen viel klarer erscheint. So kann ich es gut vertreten,
beide Systeme nebeneinander zu nutzen und somit zu einer
wesentlich fundierteren Aussage zu erlangen als bisher.
Ach ja, was ich fast vergaß zu erwähnen:
Auf dem Gebiet der Prognose schlägt die indische
Astrologie ihre vermutlich jüngere westliche Schwester
aus dem Feld. Neben Transiten und Progressionen steht
dem geübten Jyotishi (Vedischer Astrologe) hier
das Dasa System zur Verfügung, das auf der Progession
des Mondes durch die verschiedenen Nakshatras beruht.
Doch dies genau zu erläutern läßt sich
nicht in einem kurzen Abschnitt verwirklichen, vielleicht
gewährt mir der Redakteur ein paar Spalten in der
nächsten Ausgabe.